Skizzen der Kultur des Alltags

Meine Faust in seinem gottverdammten Gesicht

Von Gewalt gegen Frauen und der Ohnmacht im Umgang mit ihr. Ein Erlebnis

München, Odeonsplatz. Es ist etwa 5 Uhr nachmittags. Ich schlendere mit meiner Freundin am Eingang zum Hofgarten entlang. Es ist schon dunkel. »Warte mal«, sage ich zu ihr, als ich sehe, wie ein Mann um die 30 eine höchstens 20-Jährige anschreit. Im Bruchteil einer Sekunde packt er sie mit beiden Händen im Gesicht und drückt sie mit Gewalt gegen die ockergelbe Wand hinter ihr, nicht aufhörend sie anzubrüllen. Augenblicklich brennt bei mir eine Sicherung durch.

Ich stürme auf ihn zu und rufe »Hey!«; ich will ihr helfen. Viel weiß ich nicht mehr. Nur, dass er jetzt mich anschreit: Ich solle mich nicht einmischen, hier sei alles in Ordnung. Und dass ich zurückschreie, mein Handy schon in der Hand, dass es mich sehr wohl etwas angehe, wenn er auf offener Straße eine Frau angreife. Ich solle die Polizei rufen oder mich verziehen, sagt er, mit einer Dreistigkeit, die mich beinahe sprachlos werden lässt. Ich wähle 110. Als ich mich umdrehe, sehe ich zwei Männer die sich hinter mir aufgebaut haben, um mir den Rücken zu stärken. Eine ganze Traube von Menschen hat sich gebildet. Mein Bein zittert so stark, dass ich es festhalten muss, damit es sich wieder beruhigt.

Sie sei schuld,
nur sie sei schuld

Die Minuten, bis die Polizei vorfährt, scheinen Stunden zu dauern und vergehen doch rasend schnell. Das Arschloch schreit wieder auf die junge Frau ein, in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Spätestens als er auf mich zeigt, ist klar: er sagt, dass sie Schuld sei, an dem allem hier. Sie sei Schuld, dass jetzt die Polizei kommt, sie sei Schuld, dass ich mich eingemischt habe, sie, nur sie sei Schuld. Später werde ich mir wünschen, dass meine Faust an diesem Abend lockerer gesessen hätte, dass sie in seinem gottverdammten Gesicht gelandet wäre. Und doch bin ich froh, dass sie mir nicht ausgerutscht ist. Wahrscheinlich hätte ich diesem Drecksack damit auch noch einen Gefallen getan.

Der Polizei gegenüber führt er sich weiter auf, als wäre Gewalt gegen Frauen das Normalste von der Welt. Er habe ihr schließlich nur gesagt, dass sie völlig allein hier sei, ohne ihn, dass sie niemanden kenne in der Stadt, außer ihm, und dass sie nicht einmal Deutsch spreche. Sie steht ganz verängstigt vor der Wand, hat sich keinen Zentimeter bewegt, seit er sie losgelassen hat – und weint. Sie weint – und weint – und weint.

Am Ende bleibt alles bei einer Verwarnung, denn er habe sie ja nicht geschlagen, wie mehrere Passanten, inklusive mir, aussagen. Und bei mir bleibt die Frage, ob ich ihr mit meinem Einschreiten nicht eher geschadet habe, als geholfen. Und Zweifel. Zweifel.

© 2009 – Christoph Sachs