Skizzen der Kultur des Alltags

Ein Meister seines Handwerks

Ein Krimiautor schreibt Gedichte. Was auf den ersten Blick für manchen befremdlich erscheinen mag, ist im Falle Friedrich Anis gar nicht so verwunderlich. Ist doch der kürzlich erschienene Gedichtband »Mitschnitt« bereits sein fünftes Lyrikwerk. Und wer die Romane des 50-jahrigen Münchners kennt, der ahnt schon: Der kann das. Denn schon darin erweist sich Ani als sprachlich versierter, nachdenklich stimmender Autor. »In meinen Krimis bestimmen die Langsamkeit und das Schweigen den Handlungsablauf«, sagt Ani selbst über sein Werk. Seine bekanntesten Figuren, die Kommissare Tabor Süden und Polonius Fischer, sind denn auch als fahndende Melancholiker gezeichnet. Sie befragen nicht nur, sie hinterfragen auch – Zeugen und Verdächtige ebenso wie sich selbst, ihre Arbeit, die Gesellschaft. Dieses Suchen findet sich auch in »Mitschnitt« wieder: Zeilen wie »So vergehn die Jahre, gehn im Kreis. / Wollt etwas werden, etwas – was nur? / Weiß genau, dass ich was weiß. / Jemand stiehlt mir meine Spur.« muten beinahe wie Gedankengänge Tabor Südens an. Dennoch sind die 128 Seiten mehr als eine lyrische Fassung von Anis Prosa.

Mal albern komisch,
mal herzzerreißend traurig

Die Gedichte handeln von Liebe, Verzweiflung und dem ganz banalen Leben: vom Neujahrsmorgen im 19. Stock und von München bei Nacht; vom Vermissen und vom Bleiben; von der Gesellschaft und von unserem Platz in ihr. Mal albern komisch, mal herzzerreißend traurig nimmt das lyrische Ich den Leser an die Hand. Mit seiner häufig umgangssprachlich anmutenden Ausdrucksweise beschreibt Ani Alltag in all seinen Facetten, wenn nötig unterstützt von gezielt gesetzten Metaphern und sich scheinbar ausschließenden Begriffen: »Unsre Stimmen, / Meister / ihres Handwerks, / schmieden dieses / Schweigen.«, heißt es etwa in »Nach dem Streit«. Aber Ani kann auch direkt, anprangernd, aufrüttelnd, wie in »Der kleine Deutsche«: »Er ist erst acht, aber er / ruft: Paps, komm mit zum / Chinamann und zünd ihm seinen / Laden an, der Mann ist / bös er ist ein Zeck.«

Mit diesem Gedichtband beweist Friedrich Ani einmal mehr sein breit gefächertes Talent. Er kann nicht nur Krimis, Drehbücher und Jugendromane schreiben; er erweist sich auch als vielseitiger Lyriker. Man möchte sagen, »Mitschnitt« ist wie ein guter Kriminalroman: humorvoll, tiefgründig, und man weiß nie, was einen auf der nächsten Seite erwartet.

Friedrich Ani: Mitschnitt
Paul Zsolnay Verlag, 2009
128 S., 14,90 €

© 2009 – Christoph Sachs

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