Skizzen der Kultur des Alltags

Suchen ist Handeln

Am 14. März 2011 erscheint im Droemer-Verlag Friedrich Anis neuer Kriminalroman „Süden“. Im BLOCKfolio-Interview spricht der Münchner Autor über das Scheitern, den Alkohol als Teil der Gesellschaft und das Schreiben als Form der Kommunikation mit der Welt.

Herr Ani, ein Kennzeichen Ihrer Kriminalromane sind die gesellschaftlichen und persönlichen Abgründe, die sich darin häufig auftun. Müssen Krimis Abgründe darstellen?

Ich hab nie drüber nachgedacht, was ein Krimi darstellen sollte und was nicht. Oder welche Vorgaben es da gibt – irgendwo, auf irgendwelchen versteckten Tafeln, die uns Autoren dann lehren sollen, wie man einen Krimi schreibt. Ich habe nur festgestellt, dass es in den Büchern, die ich selber gelesen habe, in den Krimis auch früher schon, entweder dezidiert um irgendwelche gesellschaftlichen Zustände oder Missstände geht, oder um das drängende, bedrängende Schicksal Einzelner. Und insofern glaube ich schon, dass ein Kriminalroman immer auch eine wie auch immer definierte gesellschaftliche Konnotation hat, dass er in eine Gesellschaft hineingehört und nicht abseits der Gesellschaft das versunkene Zupfen eines Gärtners an einer Rose darstellt.

Abgründe tun sich in ihren Werken nicht nur in Fällen auf, die die Ermittler bearbeiten. Auch die Ermittler selbst sind nicht frei von Fehlern und Problemen. Tabor Süden etwa ist ein suchender Charakter, Melancholiker. Seinen Beruf bezeichnet er einmal als «bezahltes Scheitern». Gehört das Scheitern zum Leben dazu?

Ja. Ohne Scheitern ist ja ein reales Leben gar nicht möglich. Das Leben an sich ist ja ein Scheitern. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir irgendwann sterben werden, wissen wir, dass wir scheitern am Leben. Wir versuchen halt uns was einzureden. Wir versuchen uns einzureden, dass wir überleben können, dass wir weiterkommen. Aber wir sind natürlich im großen Ganzen schon dazu verurteilt mit unserem Leben zu scheitern. Aber auch im Kleineren, im Alltäglichen ist das was mich reizt darzustellen, wie es zu einem Scheitern kommt und wie dann jemand versucht dieses Scheitern für sich zu überwinden.

Mir ist aufgefallen, dass Alkohol nicht gerade eine Nebenrolle in ihren Romanen spielt.

(lacht) Entschuldigung, ich lache deswegen, weil mein Verlag mit meinem neuen Roman momentan etwas missgelaunt ist. Ich habe Tabor Süden als Figur für einen neuen Roman zurückgeholt. Er heuert bei einer Detektei an. Wir ringen noch darum, weil er angeblich zu viel trinkt, was mir natürlich nicht aufgefallen ist in diesem Ausmaß. Beziehungsweise: Es gehört auch einfach zu seiner Persönlichkeit.

Man könnte in ihren Krimis den Eindruck gewinnen, als hätte die ganze Gesellschaft oder zumindest ein nicht geringer Teil ein Alkoholproblem. Denken sie, dass das so ist?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich glaube nur, dass Alkohol ein Teil der Gesellschaft ist, ein Teil des Lebens bestimmter Menschen. Und keineswegs nur unterprivilegierter oder verzweifelter Menschen. Weintrinker sind ja jetzt nicht unbedingt Underdogs. Wie unser Fernsehen ja voller Kochsendungen ist, so sind ja auch Zeitungen und Zeitschriften voller Weintipps und voller Beschreibungen von neuen Weinbaugebieten und so weiter. Der Alkohol in dem Sinne ist ein Schmiermittel in der Gesellschaft. Für mich ist das Teil der Kommunikation und auch der Kommunikation mit sich selber.

In wie fern?

Damit man sich selber erträgt. Ich glaube schon, dass Alkohol dazu beiträgt, dass man sich aushält. Also bei mir ist das jedenfalls so. Ich tu mir oft leichter damit. Für mich war Alkohol immer Teil des menschlichen Miteinanders.

Mit Alkohol sind in den Romanen ja auch oft Kneipen verbunden. Kneipen scheinen ein von Ihnen gerne genutzter Schauplatz zu sein. Was macht sie als Ort so interessant?

Ich würde mich selbst ja als Gasthausbewohner bezeichnen. Ich bin gerne dort. Und zwar nicht wegen der Vorstellung, dass ich hier eine besondere Art von Kommunikation herstellen könnte oder so. Ich bin einfach gern – so wie ich auch gern in Hotels bin – unter Leuten, aber abseits. Es ist ein Ort, an dem man nicht allein ist. Man kann für sich bleiben, am Tisch oder am Tresen, wenn man das will, aber man ist auf jeden Fall nicht alleine. Sondern es sind andere da. und man kann Menschen zuschauen, beim Leben oder überleben, beim Zusammenleben. Es ist eigentlich ein warmer Ort. Es ist ein angenehmer Ort. Ein Ort des Zusammenseins, des Diskurses, ein überdachter Marktplatz. Für mich ist Kneipe oder Gasthaus immer positiv.

Sind Kneipen und Gaststätten ein Spiegel der Gesellschaft?

In Städten auf jeden Fall. Kneipen und Gasthäuser in Städten spiegeln auf jeden Fall auch die Veränderungen in der Stadt insgesamt, in der städtischen Gesellschaft wieder. Das sieht man ja in München ganz deutlich. Das ist ja paradigmatisch was zum Beispiel im Glockenbachviertel oder auch in Maxvorstadt passiert, wie sich das verändert hat. Es gibt immer seltener das klassische Gasthaus, wo von den Speisen und Getränken her, eine gewisse Einfachheit ist, eine Heimeligkeit, die ohne Effekte auskommt, die einfach da ist – so wie früher das Kaffeehaus in Wien. In München wird das klassische Gasthaus immer mehr zu einer Art Event- oder Wirbelgasthaus, wo alles mögliche Angeboten wird, schon von der Speisekarte her. Ein Mischmasch auch vom Ambiente. Und auf der anderen Seite gibt es auch immer weniger Kneipen, einfache Kneipen, wo man nur mal zum Trinken hingeht oder es nur Kleinigkeiten gibt. Diese normalen Kneipen, die man früher Studentenkneipen genannt hat, die sind alle teurer geworden, seriöser geworden. Die sind irgendwie netter geworden. Das sind Dinge die ich dann auch vermisse. Man muss schauen, wo man noch ein paar solche Orte findet, die noch so in der Art sind, wie ich sie gerne hätte.

Kommen wir zurück zu ihren Krimis. In den Romanen um Polonius Fischer tritt das Motiv des Suchens, das besonders in den Tabor-Süden-Krimis sehr zentral war, stärker in den Hintergrund. Woher nimmt Polonius Fischer die Kraft, die Süden offenbar nicht hat?

Polonius Fischer ist glaube ich eher ein Intellektueller, jemand der versucht, die Welt relativ rational zu sehen. Vor allem nach seinem ausscheiden aus dem Klosterdienst, was ja für ihn eine elementare Wendung war, dass er nach neun Jahren das Kloster wieder verlässt. Und deswegen geht er auch relativ nüchtern mit den Mordfällen um und erlaubt sich da wenig Emotion. Auch was das eigene Empfinden angeht. Er ist definitiv kein Melancholiker wie Tabor Süden. Er ist jemand der vielleicht auch ein grübelnder ist. Ein Mann der sich durchaus mit Abgründen auskennt. Aber die Melancholie als Lebensform, als innere Haltung ist ihm fremd.

Trotz seiner Stärke ist auch Fischer ein Kommissar mit Ecken und Kanten. In «Totsein verjährt nicht» scheint er völlig neben der Spur zu sein, ermittelt auf eigene Faust und rastet an einer Stelle komplett aus. Ist jeder Mensch zu so etwas fähig?

Absolut. Ja natürlich. Wenn sich die Gefühle nicht mehr steuern lassen, wenn man angefüllt ist auch von widerstrebenden Gefühlen und Gedanken, dann ist man zu allem fähig, klar. Das kann man ja jeden Tag in der Zeitung lesen. Und wenn sie die Polizeiakten durchschauen nach Gewaltdelikten – die müssen ja nicht immer zum Tod führen – sind glaube ich weit über 50 Prozent aus Situationen heraus entstanden. Man könnte nicht sagen, dass die Täter in diesen Fällen von Haus aus gewalttätige Menschen sind.

Es ist interessant, dass Sie eine religiöse Hauptfigur, einen ehemaligen Mönch, als Ermittler beschreiben. So weit ich weiß, sind sie kein sehr religiöser Mensch.

(lacht) Nein, nein. Ich bin ja inzwischen auch endlich aus der Kirche ausgetreten. Ich glaube aber schon, dass man ohne ein religiöses Empfinden – ich jedenfalls – nicht leben kann. Ich nehme die Natur schon auch als etwas Heiliges – um ein Hölderlin-Wort zu sagen: ein Heiligmäßiges – wahr. Die Natur braucht uns nicht, uns Menschen. Da können wir uns noch so viel ausdenken. So sehe ich schon auf die Welt und aufs Leben. Ich bin natürlich auch geprägt durch diesen Katholizismus, der viele angenehme Dinge hat wie die Beichte und auch Rituale, die ein Halt sein können – der aber letztendlich auch sehr brutal ist und ausschließend. Und das vernebelt einem das Religiöse an sich oft, habe ich festgestellt. Ich habe früher sicher katholisch sein gleichgesetzt mit religiös sein, was ganz unsinnig ist, vollkommen unsinnig.

Sie schreiben auch Gedichte, Drehbücher, Hörspielmanuskripte, Kinder- und Jugendbücher. Das Motiv des Suchens findet sich fast überall. Das reicht von den Wirren um Pubertät, erste Liebe und Unabhängigkeit bis hin zu melancholisch-fragenden Gedichten und einem Kommissar wie Tabor Süden. Was unterscheidet die Melancholie eines pubertierenden Jugendlichen von der eines erwachsenen Kommissars?

Nichts. Es gibt überhaupt keinen Unterschied zwischen meinen jugendlichen Figuren und meinen erwachsenen Figuren. Sie sind alle sehr ähnlich. Es sind meistens einzelgängerische Menschen, die für sich sind, die für sich bleiben wollen, die ganz selten mal mit einer Gruppe agieren, aber meistens für sich sind und für sich versuchen die Welt zu ergründen. Und natürlich neigen sie aus dieser Einsamkeit heraus zur Melancholie. Die Melancholie ist ja so eine Art Mantel, in den sie sich kleiden. Vom Einzelkind zum Einzelerwachsenen.

Endet die Pubertät jemals?

Doch, die Pubertät endet hoffentlich schon. Das sind ja funktionale Dinge. Die Pubertät sollte schon enden. Aber das ist ja nur ein Teil der Entwicklung des Körpers und des Geistes.

Aber die Entwicklung endet nie?

Nein. Menschen die auf der Suche sind, die wollen ja immer noch herausfinden, was das ganze soll und wie das geht, im Angesicht des Todes. Was mach ich eigentlich hier? Warum betrink ich mich nicht solange, bis ich tot vom Schemel fall? Und insofern sind sie wirklich auf der Suche. Und sie handeln ja. Suchen ist handeln. Die sitzen ja nicht rum.

Ist das Krimischreiben auch eine Form der Suche?

Es ist auch eine Form der Teilnahme an der Welt. Es ist eine Form von Kommunikation. Ich unterhalte mich mit der Welt, wenn ich schreibe. Auch wenn es eine übersichtliche Welt ist, vielleicht. Oder wenn es eine Welt ist, die nicht aus lauter Kosmopoliten oder Fernreisenden besteht, sondern mehr aus Zimmerreisenden. Aber trotzdem ist es eine Welt. Und ich kommuniziere mit ihr. Das ist schon auch ein In-der-Welt-sein, das Schreiben.

© 2011 – Christoph Sachs